
Buchbinderei Sanders
Innsbruck im Tirol, Österreich
Betriebspraktikum Zwei
Bernhard Sanders betreibt eine Buchbinderei in Innsbruck. Kennengelernt habe ich ihn vor über zehn Jahren im Sitterwerk in St.Gallen, anlässlich der Vorführung des Films über die Linotype. Wir kamen ins Gespräch und ich lud ihn für den Folgetag zu einem Schulbesuch bei uns an der Fachklasse Grafik ein. Aus diesem Besuch entstand die Idee, dass Bernhard einmal die Projektwoche ‘Umgang mit Material’ bei uns an der Fachklasse übernehmen könnte. Inzwischen findet diese bereits seit über zehn Jahren jedes Jahr in der ersten Herbstferienwoche statt und Bernhard ist längst ein guter Freund geworden. Diese Projektwoche darf ich jeweils während dieser Ferienwoche begleiten, war aber noch nie selber Teilnehmer. Ein bisschen eifersüchtig war ich jedes Mal, wenn der Kurs bei uns stattfand und in mir wuchs der Wunsch, diesen Inhalt auch einmal vertiefen zu können.
Heute ist alles getrieben von der digitalen Welt. In einer genau gegenüberliegenden Welt steht die Arbeit von Bernhard Sanders. Als Buchbinder ist sein Produkt analog. Hier spielen Faktoren eine Rolle, die beim Digitalen nebensächlich sind. Material und Oberflächen, Veredelungen und Fertigungstechniken, Tradition und Innovation sind Begriffe, die mir spontan zur Arbeit einfallen, die ich bei der Buchbinderei Sanders während zwei Wochen näher kennenlernen durfte.
Jeden Tag wird Bernhard durch wechselnde Mitarbeiter:innen unterstützt. Fränzi, Martin, Sol und Babsi kommen je für einen Tag in die Buchbinderwerkstatt und packen die Arbeiten an, die nicht die Hand des Meisters brauchen. Diese eine Tatsache hat mich am Meisten beeindruckt: die wirkliche und richtige Buchbinderarbeit kann nur einer in der Werkstatt, der Meister selbst. Im Tagesablauf sieht das dann so aus, dass Bernhard die ‘Hilfsperson’ anleitet und sich vielen parallel laufenden Arbeiten widmet: Bestellungen entgegennehmen, Kunden empfangen, erledigte Arbeiten verpacken, Angebote schreiben, den besten Kaffee von Innsbruck zubereiten… und wenn der ‘normale’ Arbeitstag vorbei ist, die Mitarbeitenden Feierabend machen und es ruhig wird in der Werkstatt, dann beginnt für den Meister die wirkliche Buchbinderarbeit. Dann geht die Post ab. Ich durfte einige Abende daran teilhaben, während ich noch mit meinem Tageswerk weiter beschäftigt war, weil ich viel zu langsam war. Musik wurde eingeschaltet und die Stimmung war eine komplett andere als während der ordentlichen Geschäftszeit.




























Fazit.
Zielsetzung für diesen Teil
In meinem schulischen Umfeld stelle ich öfters fest, dass Lernende ein Bedürfnis nach analogen Techniken haben. Ein Grund liegt vermutlich darin, dass ihre tägliche Arbeit immer mehr am Computer stattfindet. Alte Techniken, wie analoge Fotografie, klassische Drucktechniken oder die Risografie erfreuen sich grosser Beliebtheit bei den Jungen. So ist auch die Fähigkeit mit Material wirkungsvolle Präsentationen der Arbeit fertigen zu können eine wichtige Kompetenz im Repertoire zukünftiger Gestalter:innen.
Ein Ziel für mich war es analoges Arbeiten in einem professionellen Umfeld zu erleben. Wie kann man heute einen Betrieb in einem Nischenbereich gewinnbringend führen und wer hat ein Bedürfnis für solche Produkte?
Ebenfalls wollte ich Fertigkeiten lernen, die in der Ausbildung der Fachklasse Grafik nebst den digitalen Lernumgebungen, einen Stellenwert haben könnten.
Ergebnis
Den Einblick, den ich in der kurzen Zeit nehmen durfte, hat mich tief beeindruckt. Vom Namen her hört sich ‘Buchbinderei Sanders’ eher bieder und verstaubt an. Ich durfte mich vom Gegenteil überraschen lassen. In einem Umfeld, in dem Maschinen stehen, die an die hundert Jahre alt sind und immernoch tadellos funktionieren, entstehen hochwertigste Produkte mit einem hohen Mass an Innovation. Viele der Produkte sind Neuentwicklungen, die es nur in kleinen Serien gibt. Grosse Marken gehören darum zu Bernhards Auftraggeber:innen.
Beeindruckt bin ich auch von der Art und Weise wie Bernhard seinen Betrieb führt. Er ist ein begnadeter Pädagoge und versteht es mit Humor und einer stets positiven Haltung seine Mitarbeitenden zu führen. Ich nehme auch in dieser Hinsicht einiges davon mit in meinen Schulalltag.
Ich glaube es ist nicht immer das unmittelbar messbare, was eine Lehrzeit als gelungen auszeichnet. Bei Bernhard wurde mir bewusst, dass das ‘miteinander etwas erschaffen’ einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Dieser Erfahrung will ich in meiner Schularbeit mehr Beachtung schenken.