
Q Kreativgesellschaft mbH
in der Walkmühle in Wiesbaden, Deutschland
Betriebspraktikum Eins
Nachdem, wegen der Corona-Situation, auch der ‘fachwissenschaftliche Teil’ nicht so stattfinden konnte, wie ursprünglich geplant, fragte ich bei einem guten Freund aus der Vergangenheit an, ob er mir gute Agenturen in Deutschland nennen könne, bei denen ich ein Betriebspraktikum im Rahmen meiner Weiterbildung im Bereich ‘Soziale Medien’ und ‘Cross Media Kampagnen’ machen könnte. Mit Thilo von Debschitz hatte ich 1995 in New York bei Pentagram gearbeitet und er hat nach seiner Rückkehr nach Wiesbaden die Gestaltungsagentur Q-Design gegründet. Das Unternehmen beschäftigt sich vorallem mit Aufgaben im Bereich der visuellen Identität und der Informationsgestaltung. Ich verfolge die Agentur Q seit den Anfängen und wurde von Thilo schon hin und wieder als Berater zu verschiedenen Gestaltungsfragen beigezogen. Im Gegenzug hatte ich Thilo als Autor des Buches über Fritz Kahn (erschienen 2009 im Springer-Verlag WienNewYork unter dem Titel ‘Man Machine’, 2013 im Taschen-Verlag unter dem Titel ‘Fritz Kahn’) zu unserem Symposium Typo St.Gallen im Jahr 2015 eingeladen. Ich durfte damals zusammen mit Roland Stieger die Typo St.Gallen kuratieren.
Thilo nannte mir zwei Büronamen und bemerkte mit Bescheidenheit, dass Q vielleich auch eine Agentur sei, die interessant für mich sein könnte. Allerdings wäre ich wohl der älteste Praktikant, den sie je hatten und wahrscheinlich sei keine entsprechende Arbeit für mich vorhanden. Das war Ende November 2021.
Im Februar 2022, kurz vor meiner Abreise nach Südafrika, rief mich Thilo an und erkundigte sich, ob ich in der Zwischenzeit schon geeignete Zusagen für mein Vorhaben erhalten hätte. Q hätte einen Auftrag erhalten, für den sie Verstärkung brauchen könnten. Sein Büro hätte ein Projekt, welches sich ideal mit meinen Zielen ‘digitale Medien’ und ‘Cross Media Campaign’ verbinden liesse. Die Arbeit bestehe aus einem Signaletikprojekt für ein neues Museum in Wiesbaden, entworfen vom Architekten Fumihiko Maki, aus Tokio. Das Museum solle dereinst die private Sammlung von Reinhard Ernst beherbergen und wird vollumfänglich aus privaten Mitteln der Familie Ernst finanziert. Mit Freude sagte ich Thilo und Q-Design für dieses spannende Projekt zu.












Praktikant für vier Wochen
Es war ein seltsamer Moment, als mich mein Freund Thilo, an der Teamsitzung am Montagmorgen, als neuen Praktikanten vorstellte. Neben mir war noch ein zweiter Praktikant, der bereits seit einiger Zeit bei Q arbeitet. Das Alter des Studenten, aus der Hochschule RheinMain in Wiesbaden, entsprach wohl eher dem, was man sich unter einem Praktikumsanwärter vorstellte. Mein anfängliche Unsicherheit den 8 Mitarbeitenden der Agentur gegenüber, bezüglich meiner Rolle als Praktikant, wich aber bald einem guten Gefühl, was die Atmosphäre und die Art und Weise anging, wie die Leute miteinander umgingen. Ich spürte sofort, dass man sich hier mit Wertschätzung und Anstand begegnete.
Meine erste Unterkunft war unweit der Walkmühle und so machte ich die Distanz von zwei Kilometern zu Fuss. Schon der morgentliche Weg zur Arbeit war eine Entdeckungsreise für mich. Alles war so anders als zu Hause und ich versuchte diesem ‘Neuen’ zu begegnen, wie ein Kind, welches die Welt entdeckt. So kam ich jeweils bereits vollgepackt mit Eindrücken in der Agentur an und empfand jeden Morgen das Gefühl von Dankbarkeit, gegenüber meinem neuen Tagesablauf.
Die Arbeit an meinem Hauptprojekt war nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte. In der ersten Woche galt es zunächst die verschiedenen Fachleute kennenzulernen und die Schnittstellen zu verstehen. Ich war dabei stark auf mich gestellt. An die deutschen Umgangsformen und meine neue Rolle musste ich mich zuerst wieder gewöhnen. Zum einen war ich der Praktikant, zum andern musste ich aber sehr schnell direkt mit den Projektverantwortlichen in Tokio erste Fragestellungen austauschen. Bereits nach drei Tagen war ein Treffen mit dem Auftraggeber Reinhard Ernst, zur Besprechung der ersten Ideen angesagt. Nach einem Baustellenbesuch am zweiten Tag formulierte ich bereits erste Ideen, welche schnell in einem Konzeptansatz visualisiert werden mussten. Ich war es mir nicht mehr gewohnt, derart schnell zu einem Ergebnis zu kommen, welches sofort im Team besprochen werden musste. Weiter war ich mit den Projektverantwortlichen nicht vertraut und konnte so nicht genauer voraussehen, was in welcher Qualität erwartet wird. So war dann die erste Präsentation noch eher eine Ideensammlung mit ersten Skizzen und eine Anhäufung von vielen Fragen, welche ich an die Projektmitarbeitenden hatte, welche schon länger an der Sache arbeiteten.






Ein Gestaltungskonzept entsteht
Die Arbeit an diesem Projekt begann Spass zu machen, auch wenn es ein fast unübersehbarer Berg an Arbeit war. Wer was zu entscheiden hatte und wann was vorliegen soll, war mir auch nach zwei Wochen bei Q noch immer nicht ganz klar. Doch in der Zwischenzeit hatte ich eine Vielzahl von interessanten Menschen kennengelernt und fühlte mich mittlerweilen im Büro akzeptiert und geschätzt. Was vermutlich einige der Mitarbeitenden etwas irritierte war der Umgang, den die Geschäftsleitung, Thilo und Laurenz, mit mir hatten. Viele Besprechungen fanden während des Mittagessens in schönen Restaurants in der Innenstadt statt, da mir Thilo, als Freund, natürlich auch seine schöne Stadt Wiesbaden näher bringen wollte.
Nach zwei Wochen war die grosse Konzeptpräsentation vor Reinhard Ernst. Ich war etwas aufgeregt, weil ich seinen Zuspruch wollte, um zügig weiterarbeiten zu können. Die Projektidee war mir mittlerweilen sehr nah und ich fühlte mich wohl wie meine Lernenden vor dem kritischen Lehrer. Das Projekt war in der Zwischenzeit ‘mein Kind’ geworden und ich wollte, dass es sich in der mir noch bleibenden Zeit weiterentwickeln konnte. Vorbereitend zur Konzeptpräsentation trafen Thilo und ich den Projektleiter des Büros Maki aus Tokio, Michel van Ackeren, um ihm die Idee vorzustellen, bevor der Auftraggeber sie sah. Die Besprechung war um Mitternacht und dauerte bis halb zwei Uhr morgens, natürlich in englischer Sprache. Michel war begeistert und unterstützte den Vorschlag vor dem Kunden. Aber dann kam es ganz anders!
Die Besprechung mit Herrn Ernst fand bei uns in der Agentur statt. Die Stimmung unter den Mitarbeitenden war besonders. Alle waren sehr ruhig und es lag eine Anspannung wegen des hohen Besuchs in der Luft. Herr Ernst kam mit einer Stunde Verspätung und erzählte zuerst von seinen gesundheitlichen Problemen und von seiner bevorstehenden Abwesenheit für einen Kuraufenthalt. Nach einer halben Stunde durfte ich dem Auftraggeber endlich die Konzeptidee vorstellen. Er war ganz und gar nicht einverstanden damit und meinte, die Idee würde seinen Kunstwerken die Show stehlen. So war es an mir, die Enttäuschung wegzustecken, in wertschätzender Weise die Kritik zu verwerten und herauszufinden, was sich Herr Ernst selbst vorstellt, wie das Leitsystem in seinem Haus aussehen könnte. Der wichtigste Teil meiner Idee konnte erhalten bleiben, wenn auch nicht in den Dimensionen, wie ich sie mir vorgestellt hatte.
Die weitere Arbeit detailierte sich in der Folge und es kam ein einfaches, schönes und machbares Konzept zusammen, welches nun von zwei Mitarbeitenden von Q mit der Bauleitung des Museums und dem Projektleiter des Büros Maki umgesetzt wird. Seit ich nicht mehr in Wiesbaden bin erhalte ich ab und zu Entwürfe zur Begutachtung, mit dem Wunsch um meine Beurteilung. Ich bin sehr gespannt, wie das gesamte Werk aussieht, wenn es fertig ist und das Museum im Frühjahr 2023 eröffnet wird.


Fazit zum Betriebspraktikum bei Q
Zielsetzungen für diesen Teil
Wieder einmal Agenturluft schnuppern und eine andauernde Zeit am Büroalltag teilhaben können.
Kenntnisse im Bereich ‘Digitale Medien’ und ‘Cross Media’ aufbauen und wenn möglich in einem Projekt während dem Praktikum anwenden.
In einer fremden Stadt unterwegs sein und am kulturellen Leben teilhaben.
Ergebnis
Die Zeit bei Q hat mir viel Gutes gebracht, allerdings nicht alle meine Erwartungen erfüllt. Eine sehr schöne Erfahrung, die machen durfte, sind, dass meine Kompetenzen geschätzt wurden und dass das Q-Team mir mit Wertschätzung und Vertrauen begegnet ist. Für den zweiten Praktikanten war ich vielleicht mehr Lehrmeister als Kollege, was mich jedoch nicht störte. Das übrige Team hat mich schnell als einen Mitarbeiter akzeptiert.
Thilo hat mir viel Vertrauen geschenkt, in dem er mir die Leitung des Museumsprojekts übertragen hat und mich selbständig mit der Projektgruppe arbeiten liess. Auch in diesem Setting habe ich mich sehr wohl gefühlt und es hat wirklich Spass gemacht wiedermal bei einem Projekt dieser Grösse dabei sein zu können.
Was leider nicht gestillt werden konnte, war mein Bedürfnis mehr im Bereich ‘Digitale Medien’ für die Praxis zu lernen. Hier zeigte es sich, dass Q nicht wirklich viel mehr konnte, als ich schon kannte. Auch hatten diejenigen Mitarbeitenden, welche Fachleute in diesem Bereich waren, sehr selten Zeit für mich. Positiv zu werten ist aber, dass ich im Zusammenspiel der verschiedenen, im Museum zum Einsatz kommenden, Medien, viel über die Schnittstellen und das Projektmanagement mitnehmen konnte. Ebenfalls bin ich stolz darüber, dass ich in dieser Bauphase noch erreichen konnte, dass LED-Bildschirme anstelle von Plakatstellen in die Wandoberflächen integriert werden und so die Informationsflächen digital, statt analog sind und damit vom Leitsystem sehr zeitgemäss integriert werden können.